Archiv der Kategorie 'Kultur'

05
Sep
11

der anschlag

er blickte aus seinem wohnzimmerfenster hinunter auf die ansammlung von einsatzwagen und einem räumpanzer der polizei, die die seitenstrassen absperrten. die polizisten schwitzten sichtlich unter ihrer uniform, denn es war ein – eigentlich – wunderschöner sommertag in dortmund, mit temperaturen jenseits der 25°C, blauem wolkenlosen himmel und strahlendem sonnenschein. eigentlich deswegen, weil einerseits angesichts des schönen wetters mit einer hohen beteiligung am angekündigten naziaufmarsch, oder “menschen mit kurzen haaren und kleinem hirn e.v.”, wie er sie spöttisch zu nennen pflegte, zu rechnen war – nicht sehr erfreulich. andererseits passte es sehr gut in seinen plan, dass heute nicht mit spontanen regengüssen zu rechnen war. so würde sein anschlag noch effektiver ausfallen.
er grinste ein wenig schief und griff nach der plastiktüte mit einweghandschuhen und einem feuchten lappen, nahm seinen schlüsselbund und stieg zum dachboden hinauf. vor der dachbodentür stutzte er kurz; die provisorische versiegelung der türfugen mittels klebeband war entfernt worden, und an der tür prangte nun ein zettel:

“liebe unbekannte POTTSAU! was immer du da treibst, LASS ES BLEIBEN – wir müssen den dachboden ALLE nutzen! gez. ein mitmieter!!!”

er kicherte leise und entfernte den zettel; bald würde sich der anlass ohnehin erledigt haben. dann zog er sich die einmalhandschuhe über, hielt sich den feuchten lappen vor den mund und sperrte die tür auf. wie er eintrat überkam ihn ein gefühl der übelkeit, das fast überwältigend war – vielleicht hätte er doch eine gasmaske mit filter kaufen sollen; aber nun war es zu spät dafür.
schnell zog er die tür wieder hinter sich ins schloss und eilte zur dachluke, öffnete sie und steckte seinen kopf hinaus, um gierig seine lungen mit frischer luft vollzupumpen. nach zwei, drei atemzügen beruhigte sich sein magen wieder. er bedeckte seinen mund erneut mit dem lappen und öffnete, von kurzen atempausen unterbrochen, auch die restlichen dachluken komplett. nun war es einigermassen erträglich; ein wenig machte er sich vorwürfe, dass er nach dem letzten gewitter keinen kontrollgang gemacht hatte – war ja abzusehen, dass einer der anderen hausbewohner die dachluken kontrollieren und schliessen würde. schulterzuckend verwarf er diesen gedanken wieder, spielte nun auch keine rolle mehr, ihm blieb weniger als eine halbe stunde für seine vorbereitungen; zügig schloss er seine dachbodenkammer auf, holte noch einmal tief luft und öffnete die tür…

seine hände zitterten noch ein wenig, er hatte den effekt der lösung unterschätzt; aber dank des doppelten vodkas beruhigten sich sowohl sein magen als auch die nerven recht schnell wieder. ausserdem konnte er sich jetzt in ruhe zurücklehnen und von seinem weichen sessel aus das spektakel beobachten.
unten auf der strasse zogen einige berittene polizisten am haus vorbei, im gefolge einen pulk schwarzer kleidung, glänzender glatzen und flatternder schwarz-weiss-roter flaggen. er goss sich einen weiteren vodka ein, prostete zum fenster und trank.
mittlerweile waren die polizisten und ersten demonstranten unter seinem fenster durchgezogen. es war nun an der zeit; er griff zur funkfernbedienung und drückte auf den obersten knopf, während er gespannt nach draussen auf den zug der glatzen blickte. zuerst geschah nichts, aber das war zu erwarten gewesen, zuerst musste sich ja auch genug druck aufbauen.
dass dann doch etwas geschah, merkte man zuerst an den reaktionen unten auf der strasse; irritierte gesichter drehten sich nach oben, laute der überraschung waren zwischen dem gejohle wahrnehmbar.
dann senkte sich der sprühnebel herab, durchsetzt von dickeren braunen tropfen. er goss sich einen weiteren vodka ein, nun glucksend vor freude, während das gejohle von aggressiv zu erschreckt kippte und die gesichtszüge der demonstranten sich zu fratzen verzerrten.
er stürzte den vodka hinunter und drückte einen weiteren knopf auf seiner fernbedienung; oben auf dem dachboden schaltete nun ein magnetventil und lenkte die vor drei tagen angesetzte jauche aus brennesseln, fäkalien und fischabfällen statt auf den sprühkopf auf einen normalen duschkopf. der durch die schmutzwasserpumpe erzeugte druck entlud sich in einem grossen schwall von dicken tropfen und stürzte auf die strasse, auf die köpfe und schultern der demonstranten hinab.
schreie wurden laut, direkt unter seinem fenster versuchten glatzen auszuweichen und konnten nicht – von hinten schob es, vorne blockierten die pferde mit ihren verdutzten reitern.
die ersten nazis kotzten sich schon die seele aus dem leib; auf die strasse, auf sich selbst, auf den nebenmann. und dann kotzten die nebenmänner auf die strasse, auf sich selbst und auf ihre nebenmänner, und so pflanzte es sich durch den zug fort; ein sich windender, kotzender, braunbefleckter lindwurm war entstanden.

19
Aug
11

warum die ddr ganz anders war, vor allem schlechter

angeregt durch einen artikel beim ostgotischen schmuddelkind dexter muss der autor mal einige dinge zur verklärung der DDR, verzeihung, des UNRECHTSSTAATES DDR loswerden.
die DDR hatte nämlich keineswegs gute seiten. keine. nicht eine einzige. dieser beitrag wird das beweisen und auch den letzten dummdödeligen Ronnys und Mandys klar machen, in welches paradies wir – also die guten demokratischen bundesrepublikaner – sie höchstgnädigst eingelassen haben, nachdem wir sie damals ganz alleine kraft unseres unbändigen freiheitswillens von ihren tyrannen befreiten.
Weiterlesen ‘warum die ddr ganz anders war, vor allem schlechter’

17
Aug
11

matussek erregt durch papst.

neulich schrieb der autor dieses blogs ja über die blindheit des hauptamtlichen messdieners bei der wasserpistole von der alster, matthias matussek.
selbiger ist gerade derart erregt von der aussicht, den papst auf seiner reise nach spanien begleiten zu dürfen, dass der blutfluss zum hirn massiv gestört sein muss. welcher mann versteht das nicht.
so fällt ihm auch keine frage ein und andere müssen soufflieren:

“Was mich immer interessiert hat”, sinnierte eine zarte Frau, die mittlere von drei Schwestern, spät an einer großen Tafel, “was ich mich frage: ob er spürt, wenn der Heilige Geist aus ihm spricht?”

ach ja, warum nicht.

den autor würde ja eher interessieren ob der papst eventuell zu dem vereitelten giftgasanschlag auf die gegner seines besuchs stellung nehmen wird. oder was er von dem massaker in norwegen hält. vielleicht ein aufruf zu mehr toleranz und nächstenliebe auch den feinden gegenüber, mal frei nach der bibel zitiert?

aber ach, nein. nicht wichtig, nicht interessant, nicht bedeutend genug. da hat unser kleiner papist eine viel bessere idee. die empfindlichen naturen unter meinen lesern seien gewarnt, nun kommt starker tobak:

Die Nacht ist warm, der Mond schimmert gütig über der Peterskuppel. Was ich den Papst fragen werde? Ich schätze mal, die Frage aller Fragen: “Heiliger Vater, wie geht es Ihnen?”

ähm, ja, natürlich. das musste auch mal geklärt werden. chapeau, herr matussek, sie sind wahrlich ein fanal des heutigen spiegel-journalismus.

16
Aug
11

der mythos vom gold und seine falschen propheten

wann immer irgendwo ein artikel zur wirtschaftslage geschrieben wird, findet man sie in den kommentaren: die propheten vom gold als einzig sicherer geldanlage, um sein vermögen über die krise zu retten.
eigentlich bräuchte man sich nur mal fragen, warum gerade diese flammenden fürsprecher nicht all ihr gold behalten, sondern gegen das ja bald wertlose geld eintauschen. purer altruismus ist es sicher nicht.
tatsächlich ist gold derzeit vollkommen überbewertet, dem gesetz von angebot und nachfrage folgend, vergleichbar höchstens mit diamanten, die ihren wert auch nur aus der tatsache ziehen dass ausser de beers kaum anbieter existieren um die nachfrage zu befriedigen. und de beers hält da den finger drauf.
mit dem goldpreis ist es ähnlich; da sich genug menschen wie die lemminge ins gold flüchten, die produktion aber nicht in gleichem masse gesteigert wird, steigt der preis ins lächerliche.
vergessen wird dabei leider immer ein wichtiger faktor: gold an sich hat keinen nähr- und kaum einen nutzwert.
sollte unser wirtschafts- und geldsystem tatsächlich zusammenbrechen und das prophezeite chaos eintreten, wird es ohnehin zuerst ums nackte überleben gehen. dem bescheidenen autor dieses postings sind die geschichten seiner grosseltern noch gut im gedächtnis, die bepackt mit schmuck und wertsachen auf landtour gingen um etwas mehl, butter, kartoffeln und speck zu hamstern. die wahren profiteure jener zeit waren die bauern, zumindest jene die etwas zu verkaufen hatten.
aber immerhin, man könnte mit so einem goldbarren sicherlich den einen oder anderen einkauf tätigen – ein schnäppchen darf man da aber nicht erwarten.

nehmen wir nun an, das gröbste ist vorbei. es gibt wieder ein geldsystem, eine stabile währung usw.
voraussichtlich will dann jeder sein gold schnell wieder zu geld machen, alleine schon weil man goldbarren schlechter aufteilen kann und somit sozusagen eine “wechselgeldproblematik” hat; ganz zu schweigen vom gewicht einiger goldbarren im vergleich zum gewicht eines bündels geldscheine. die logische konsequenz: der goldmarkt wird geflutet, die preise fallen in den keller.

statt also sein ganzes geld in goldbarren zu investieren sollte man lieber in sachwerte investieren – zuvorderst immobilien wie grundstücke und häuser, dann werkzeuge und maschinen sowie ersatzteile, den heizöltank auffüllen, einen trinkwasserbrunnen bohren und ggfs. sämereien und nutztiere anschaffen, sofern man für all diese dinge über das nötige kapital und die räumlichen gegebenheiten verfügt.
ausserdem nach möglichkeit einige waffen, um seine besitztümer auch verteidigen zu können.
dann kann man sich entspannt zurücklehnen und auf die jünger des goldes warten, denen man selbiges dann für ein paar eier, ein kaninchen und frisches wasser abnimmt.

07
Aug
11

kurz korrigiert 24: herr matussek und der christliche terrorismus

matthias matussek, der hauptamtliche messdiener der wasserpistole von der alster, auch bekannt als ehemaliges nachrichtenmagazin “der spiegel” glänzt durch unwissen:

Christlicher Terrorismus? Wo soll der derzeit sein? [...]
Christliches Morden? Mir ist nicht bekannt, dass Christen Jagd auf islamische Ordensleute oder Muftis machen würden oder islamische Politiker ermorden würden

nun, vielleicht sollte herr matussek seine katholischen scheuklappen mal abnehmen und sich besser informieren, gilt gerade das doch als tugend des professionellen journalismus.
man muss gar nicht zurückgehen bis in die zeit der christlichen kreuzzüge gegen den islam – eine kleine google-anfrage mit dem begriff “christian terrorism” lieferte als topergebnis einen wikipedia-artikel mit einigen beispielen. da leider keine deutsche übersetzung existiert, hat der bescheidene autor mal ein wenig zusammengefasst:

innerhalb europas ist da beispielsweise der terror in nordirland, wo sich protestanten und katholiken gegenseitig die köpfe einhauen und gegenseitig in die luft sprengen.
in indien haben wir die NLFT, die sogar zu den top ten der aktivsten terrorgruppen weltweit gezählt wird und auch schon mindestens zwei bedeutende hindu-führer umgebracht hat.
weiterhin in indien: die Christlich Nationale Armee von Manmasi (Manmasi National Christian Army – MNCA), die wie auch die NLFT gerne mit waffengewalt missioniert.
wir springen nach amerika, wo sich die ritter des ku-klux-klans die verteidung des protestantismus auf die zipfelmütze geschrieben haben. alte bekannte, muss man eigentlich nicht viel zu sagen.
dann wäre da noch die Armee Gottes (Army of God), die angriffe auf abtreibungskliniken und die dort arbeitenden ärzte durchführt.

einen sonderfall stellt in uganda die Widerstandsarmee Gottes (Lords Resistance Army) dar, die sich scheinbar sowohl christlicher als auch islamischer ideen bedienen. sie sollen hier nur deswegen erwähnt werden, weil ihre mitglieder wohl allesamt rosenkränze tragen und bibelpassagen rezitieren, bevor sie sich in den kampf stürzen.

und weiter gehts:

Noch einmal zum Mitschreiben: Breiviks Massenmord hatte nichts mit dem Christentum zu tun. Dessen Kernbotschaft ist die Liebe, auch die Feindesliebe.

eigentlich sollte matussek sich im alten testament besser auskennen, so als ehemaliger messdiener. aber naja, das ist dann halt selektive wahrnehmung der fakten.
schauen wir doch einfach mal ins zweite buch mose:

“Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen … Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen.”

(2. Mose 34, 12-13)
zugegeben, das war bisher nur ein aufruf zur gewalt gegen sachen. aber da ist ja noch das 4. und 5. buch mose:

“So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.”

(4. Mose 31, 17-18)

“Wenn ihr nun auszieht zum Kampf, so soll der Priester herzutreten und sprechen: Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht; denn der HERR, euer Gott, geht mit euch, dass er für euch streite mit euren Feinden, um euch zu helfen … Und wenn sie der HERR, dein Gott, dir in die Hand gibt, so sollst du alles, was männlich darin ist, mit der Schärfe des Schwerts erschlagen. Nur die Frauen, die Kinder und das Vieh und alles, was in der Stadt ist, und alle Beute sollst du unter dir austeilen. So sollst du mit allen Städten tun, die sehr fern von dir liegen. Aber in den Städten dieser Völker hier sollst du nichts leben lassen, was Odem hat.

(5. Mose 20, 2-4.13-14.16)
tja, das wars dann wohl mit nächstenliebe auch den feinden gegenüber. geliebt werden da höchstens die frauen des feindes, den rest darf man niedermetzeln.

update 17.8.2011: und nun wollte wohl ein katholischer spinner in spanien gegner des papstbesuchs mit nervegas vergiften.

31
Jul
11

zur abwechslung: gute nachrichten.

wie unter anderem die süddeutsche zeitung berichtet, schrumpft die zahl der religiösen spinner in der katholischen kirche, da die zahl der kirchenaustritte die zahl der taufen überschreitet.
zugegeben, die römisch-katholische kirche wird deswegen nicht von heute auf morgen verschwinden. aber es ist doch zumindest mal ein lichtblick in diesen finsteren zeiten.

29
Jul
11

der unterschied zwischen sieg und niederlage

wie die nachdenkseiten in ihren heutigen hinweisen des tages berichten, blamiert sich die paris hilton des deutschen journalismus ulf poschardt durch einen intelligenzbefreiten kommentar zur debatte um das attentat in norwegen.
doch während man bei paris hiltons untenrum befreiten auftritten als mann wenigstens noch was zu gucken hat, ist ulf poschardts obenrum befreiter auftritt nicht nur peinlich, sondern sogar in seiner eigenen verqueren logik widersprüchlich.
es wäre dem autor dieses blogs durchaus ein innerer reichsparteitag gewesen (ohje, das sagt man ja eigentlich nicht – aber herr poschardt als freund der polemik wird es mir sicherlich nachsehen)die von herrn poschardt in die welt gekackte braune scheisse absatz für absatz in kleine blockquote-tütchen zu füllen, angezündet auf der kommentarveranda der welt zu platzieren und anzuklingeln, bevor er sich auf seinem etwas abseits gelegenen beobachtungsposten platziert und des unvermeidlichen geharrt hätte.

da aber jens berger diesen kleinen blasehasen broders bereits ausführlichst beleuchtet hat, will ich mich heute auf den logischen salto mortale mit 360°-wendung konzentrieren, der zwischen dem ersten und dem letzten absatz vollzogen wurde:

Intellektuelle versuchen nach der Schreckenstat in Norwegen, die Islamdebatte an Stellen zu retabuisieren, wo es für linke Migrationsfantasien schmerzhafte Niederlagen gab.

nun kommt eine menge blabla und mi-mi-mi bis paris poschardt im letzten absatz seine bewunderung für premierminister stoltenberg äussert:

Vor diesem Hintergrund kann man sich in Deutschland gar nicht satthören an jenem unerhörten Sound des Jens Stoltenberg, der angesichts eines verheerenden Anschlags erklärte, dass das Land auf diese Tat mit noch mehr Offenheit und Humanität reagieren wolle. Diese Sätze sind eine derartige Herausforderung und Provokation gerade auch für den erregten deutschen Diskurs, dass wir uns die Ruhe gönnen sollten, darüber nachzudenken. Gerne auch mal besonnen und gemäßigt. Wir können davon sehr viel lernen.

nicht schlecht, herr poschardt! zur untermauerung der “schmerzhaften niederlage linker migrationsfantasien” zitieren sie erstmal einen linken politiker der sich für mehr offenheit ausspricht. das ist chuzpe!
logisch ist es allerdings nicht, und ihre argumentation stützt es schon gar nicht. gesiegt hat nicht die rechte, konservative ideologie des attentäters und seiner geistigen brandstifter. gesiegt haben eben genau die ideale die sie als linke fantasien beschimpfen: offenheit, demokratie und menschlichkeit.

rede von jens stoltenberg vom 24.7.
rede von jens stoltenberg vom 25.7.

28
Jul
11

nein, herr augstein.

zuerst einmal: chapeau, herr augstein. vieles von ihrem beitrag würde der unbedeutende autor dieses blogs sofort unterschreiben, insbesondere ihre analyse der reaktion der deutschen autoritäten auf den terroristischen anschlag in norwegen, durchgeführt von einem fundamentalistisch-radikalen konservativen christen.
ja, sie haben vollkommen recht wenn sie schreiben:

Sicherheitsbehörden, Politik und Unternehmen haben da eine klare Haltung: Freiräume sind Gefahrenräume.

in einem punkt jedoch irren sie sich, und zwar wenn sie folgende sätze schreiben:

Das Netz als Medium der Freiheit hat zu viele Feinde um auf Dauer zu bestehen. Und zu wenige Verteidiger.[...]
Die Zukunft des World Wide Webs? Das Netz wird in zwanzig Jahren stärker sein als heute. Aber es wird ein Netz sein, das uns gefangen hält.

der erste punkt wo sie sich irren: es kommt gar nicht auf die zahl der verteidiger an.
autoritäre ideen wie die zensur des netzes, wie sie in staaten wie china, iran oder deutschland und anderen verfolgt werden, sind zum scheitern verurteilt. warum?
das netz war von jeher so konzipiert dass es unzerstörbar sein sollte – das war die grundidee, bitte recherchieren sie selber zum stichwort ARPANET. ja, man kann einzelne verbindungen trennen – dafür bleiben dann aber genug andere.
zugegeben, genau aus der von ihnen erwähnten angst der autoritäten wird genau an diesem vorteil kräftig gesägt; doch diese zensurbestrebungen totalitärer staaten sind zum scheitern verurteilt, weil das netz von anfang an gegen solche angriffe gefeit sein sollte.
es gibt eben nicht nur das “offizielle” netz mit seinen partizipationsmöglichkeiten, das wir alle über den browser unserer wahl aufrufen.

lassen sie mich etwas ausholen.

wenn die meisten menschen an das netz denken, dann verbinden sie damit in der tat zuerst alles, was man mit einem browser aufrufen kann. doch da ist weitaus mehr.

ich will sie gar nicht mit dingen wie usenet, irc, p2p-programmen oder email langweilen, obwohl alle diese auch teil des netzes sind.

viel wichtiger jedoch sind projekte wie das freenetproject, bitte nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen provider, die sich eben genau gegen die von ihnen erwähnte zensur und einschränkung des “offiziellen” netzes auflehnen.

stimmt, der normale user kriegt davon nichts mit, weil er es in der regel nicht braucht – bis er sich der zensur, wie sie auch im leserforum des spiegels geübt wird, bewusst wird. doch wenn es erst soweit ist wird der interessierte nutzer eben auch auf diese freien zonen stossen und sie nutzen. oder er kriegt den tip halt von einem versierteren bekannten. so oder so, die alternativen gibt es schon, und sie werden genutzt. wenn nicht jetzt, dann halt später.

menschen wollen teilhaben, wollen sich verwirklichen. das netz bietet die gelegenheit dazu. sehen sie sich diesen post an; vielleicht lesen ihn nur wenige, aber das ist gar nicht so wichtig.

viel wichtiger ist: sie sind ein bekannter journalist und veröffentlichen ihre inhalte im netz.

ich bin ein niemand, und ich tue trotzdem dasselbe.

25
Jul
11

kurz korrigiert 22: das internet.

jan fleischhauer klittert mal fix geschichte und sucht den kapitalismus damit zu verteidigen, dass dieser ja das internet hervorbrachte. zitat:

Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte der Globalisierung – und ein Kind des Kapitalismus, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen

ähm, nein. das internet ist ein kind des CERN, einer staatlichen forschungseinrichtung, oder meinetwegen ein enkel des ARPANET, eines militärischen netzwerks und damit ebenfalls mit staatlichen mitteln entwickelt.

der kommerz kam erst später. viel, viiieeel später. und ehrlich gesagt hat er die usability nur herabgesetzt; finger hoch, wer hat sich noch nicht über suchergebnisse für shoppingseiten geärgert, obwohl er explizit nach einem handbuch oder treiber suchte?

aber, um erneut herrn fleischhauer zu zitieren:

Das große Wort führen auch hier vor allem Leute, deren wesentlicher Beitrag zur digitalen Revolution der Kauf eines Modems und ein Vertrag mit der Telekom sind.

gut, wenn man auf den schultern von riesen steht ist die luft naturgemäss sehr dünn, was sich auch auf die sauerstoffversorgung des gehirns auswirkt.

deswegen extra für sie, herr fleischhauer: dass sie heute ihre geschichtsklitterung auf spiegel online betreiben können, das verdanken sie steuergeldern. man könnte auch sagen:
das grosse wort wollen heute jene führen, deren einziger beitrag zum netz der kauf einiger hardware war, die aber vorher keinen pfennig in die entwicklung der notwendigen standards investiert hätten – wenn, ja wenn da nicht der “gierige staat” gewesen wäre, der sie über die steuerpflicht dafür in anspruch nahm.

somit gehört das netz allen steuerzahlern. zahlen sie auch immer brav ihre steuern?

19
Mai
10

die krise ist tot, es lebe die krise.

was haben wir mittlerweile nicht an krisen durchgestanden. ganz harmlos begann es mit einer immobilienkrise in den USA, die dann in subprime-krise umgetauft wurde. damals durfte man als deutscher nicht-banker auch noch ganz unbefangen doof glotzen, wenn das wort subprime fiel.
dann stürzten plötzlich die ersten banken, und schon hatten wir die bankenkrise; als noch ein paar banken mehr ins taumeln gerieten sprach man schliesslich von der finanzkrise. die klammen banken wurden schnell gerettet (und nicht etwa reguliert), womit die bankenkrise beendet war. die banken zeigten sich aber keineswegs erkenntlich gegenüber der realwirtschaft, woraus dann die kreditkrise erwuchs. dank geöffneter geldschleusen in form niedriger zinsen konnte man die kreditkrise zügig beenden, schlitterte allerdings direkt in die wirtschaftskrise, die jedoch nur kurz anhielt und glücklicherweise nicht in die befürchtete jobkrise führte – also jedenfalls stiegen die arbeitslosenzahlen weniger als erwartet – nur um stante pede in die eurokrise zu rasseln. die eurokrise ist allerdings auch quasi schon wieder vorbei, und somit warten wir gespannt auf die nächste krise.

demnächst vielleicht in diesem kino: insolvenzkrise, sozialkrise, demokratiekrise, gewaltkrise, “deutschland erwache”.




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