die sueddeutsche zeitung beweist mal wieder, was sogenannter qualitaetsjournalismus zu leisten imstande ist. prinzipiell nicht mehr und nicht weniger als ein beliebiger blogger, insbesondere bei technischen themen setzt man sich dann aber doch gerne regelmaessig in die nesseln.
jedenfalls wittert der schreiberling andrian kreye im lichte von apples verzicht auf DRM die spaltung kulturschaffender in stars und prekariat. dazu spaeter, jetzt korrigieren wir erstmal die offensichtlichen fehler.
Mit fatalen Folgen, denn im Geschäftsmodell der digitalen Industrie war das Bezahlen für kulturelle Inhalte nie vorgesehen.
wir koennen uns nun zuerst noch vortrefflich streiten, ob computerprogramme zu herrn kreyes definition von kulturellen inhalten zaehlen oder nicht. oder wann er den beginn der digitalen industrie festlegt, was das ueberhaupt ist usw., den ueblichen akademischen balztanz vor jedem diskurs halt.
oder man koennte andrian kreye einen dummen trottel nennen, der lieber im kloster buecher handschriftlich kopieren als kommentare zu technischen themen schreiben sollte. was ist denn eine EULA, herr kreye? wozu dient die wohl? aber weiter gehts in ihrem text:
[...]etablierten sich Ende der achtziger Jahre Internetdienste,[...]Neben einfachen E-Mail- und Chatprogrammen boten diese Dienste auch kostenlose Inhalte wie Videospiele, Nachrichten und Unterhaltungskanäle an.[...]
Die Inhalte, wie nun jede Form von Kultur im Branchenjargon genannt wurde, waren Gratiszugaben. Die allerdings etablierten eine Erwartungshaltung, die das frühe Geschäftsmodell des Internets zum Status quo der neuen Medien machte. Heute noch bekommt man zu einem DSL-Anschluss von den meisten Firmen ein Portal mit Zugriff auf Kinofilme, Videos und Musikkanäle gratis.
whoah, immer langsam mit den jungen pferden! der gesamte gedankengang strotzt nur so vor sachlichen fehlern, konzentrieren wir uns daher auf die kernaussagen.
herr kreyer, ich weiss ja nicht wo und wann sie zuerst mit computern im allgemeinen und dem internet im besonderen in beruehrung gekommen sind, es scheint jedoch noch nicht sehr lange her zu sein. ende der 80er Jahre jedenfalls wird der gemeine privatkunde in der regel einen dialup-zugang per modem mit maximal 56Kbit/s gehabt haben. da macht filme downloaden jetzt nicht wirklich spass.
abgesehen davon wird auf der portalseite eines providers wie AOL alles irgendwie lizensiert sein, und glauben sie mir, herr kreyer – nur weil sie fuer den aufruf nichts bezahlen (ausser ihren leitungsgebuehren) ist da fuer AOL noch lange nicht alle skostenlos gewesen.
uebrigens suche ich bis heute einen anbieter wie von ihnen erwaehnt; wenn sie sich naemlich die kostenlosen portale der provider mal genauer anschauen werden sie feststellen, dass dort in der regel eben NICHT der neueste batman fuer die kunden zum kostenlosen download bereitsteht.
Die Aushebelung der Urheberrechte schafft jetzt schon ein Zweiklassensystem mit einem tiefen Graben zwischen Stars und einem kulturellen Prekariat.
wie denn? wo denn?
In der Firma Apple vereinen sich allerdings der revolutionäre Gestus der Computer-Pioniere aus den Subkulturen und das Geschäftsmodell des Internets mit einem brillanten Designkonzept zu einer neoliberalen Ersatzkultur, in der die traditionellen Kulturgüter Musik, Film, Bild und Text eben nur Inhalte sind, eine Art Schmierstoff, um die Geräte am Laufen zu halten.
ach sooo, ja dann, ich verstehe. apple hat itunes also nur aus der taufe gehoben damit die kunden ihre ipods mit irgendwas befuellen koennen, nicht etwa um geld zu verdienen. jetzt wird mir alles klar.
herr kreyer, machen sie sich nicht laecherli- upps, schon passiert! ich gebe ihnen mal nachhilfe, damit ihnen das nicht nochmal passiert.
sie haben angst vor einem 2-klassen-system in der kultur? ich kann sie beruhigen, diesen zustand lassen wir bald hinter uns. bisher hatten wir naemlich genau das: eine menge kulturschaffende, wenige vertriebswege mit viel marktmacht (fernsehsender, radiosender, zeitungen…).
das ergebnis duerfen wir jeden abend im fernsehen oder radio unter so klangvollen namen wie “deutschland sucht den superstar”, “the next uri geller” oder “pussycat dolls” bewundern. oder eben in der zeitung ihren kommentar lesen. egal, wenns den entscheidern gefaellt muss es der rezipient halt einfach schlucken.
nun aber kann jeder zum sender werden, jeder kann produzieren, jeder kann sogar ihre inhalte weiterverwerten – ueber das gespraech am stammtisch hinaus. die luft wird duenn fuer kommerzielle anbieter, in der tat. ist aber auch schon gemein, wenn andere eine leistung kostenlos anbieten, fuer die man selber geld kassiert.
sie wollen das nicht, sagen sie? sie moechten fuer ihre arbeit geld kassieren? ihr gutes recht! dann stellen sie ihre inhalte nicht zur verfuegung, und vor allem: lassen sie dann auch die finger von kostenlosen inhalten. am besten nie was online stellen oder selber online gehen, dann sollten ihre geistigen erguesse relativ sicher sein.
aber genau das moechte ihr chef auch nicht; die einnahmen ueber onlinewerbung moegen gering sein, einnahmen sind es dennoch. also stellt man ein bisschen was online, ein bisschen was haelt man zurueck oder will geld dafuer haben. und wenn man kostenlose inhalte nutzen und damit geld verdienen kann, hey, wieso nicht? also schnell das internetvideo vom surfenden hund eingebunden, etwas werbung danebengeklatscht und der rubel rollt.
und das ist das amuesanteste an der jammerei der klassischen medien: einerseits trampelt man auf den amateuren herum, redet sie klein, andererseits moechte man dann aber ja doch gerne die rosinen rauspicken. das verwackelte handyvideo vom schuss auf den polizisten; die insiderinformation aus einem diskussionsforum; die lustigen manipulierten bilder von worth1000.com.
ja, amateure sind beliebt, solange sie kostenlos material zum verwerten liefern. wenn sie jedoch den eigenen platz am futtertrog der kulturstars gefaehrden, dann wuedre man sie gerne wieder loswerden.
update: auch andere blogger sind verwirrt. da hat der autor aber einen grossen vorteil: bei ihm ist das vollkommen normal.
Trash-Wissen
Jens Scholz
Netzpolitik
Nerdcore
1 Antwort zu „kurz korrigiert 7: kulturprekariat und stars“